Fotos von der Montagsdemo am 20. Juni 2011

Foto: © Eberhard Scholz
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Hände weg vom Südflügel er ist unverzichtbar! Sehen Sie selbst

 ... mit den Augen von Dr. Norbert Bongartz, Ober-Konservator im Ruhestand,

ehemaliger Denkmalpfleger am früheren Landesdenkmalamt 

Liebe am drohenden Schicksal des Kopfbahnhofs Mitleidende und immer noch nicht resignierte, immer noch hoffnungsvolle Zuhörer und Zuhörerinnen,

Der Südflügel, vor dem wir stehen, steht immer noch auf der „Abschußliste“ der Bahn, die das an-geblich zukunftsorientierte Tiefbahnhof-Projekt S21 - allen neueren Erkenntnissen zum Trotz - ver-teidigt und weiter verfolgt. Dabei assistieren ihr sowohl die Stuttgarter Stadtspitze plus Gemeiderat als auch – immer noch – eine erhebliche Mehrheit der Parteien im Landtag, einschließlich der SPD. 

Um die Preisgabe der beiden Längsflügel in der Öffentlichkeit zu bemänteln oder gar zu beschöni-gen, hatten sich die für den Tiefbahnhof Verantwortlichen keine Skrupel, die beiden Flügelbauten als unerhebliche Teile des Bonatzbaus zu bezeichnen. Einige verstiegen sich sogar zur Diffamie-rung der beiden Längsflügel als „Kruscht“ oder „Hüttenwerke“! Für mich als Baugeschichtler war das eine unverfrohrene Frechheit, die mich zornig gemacht hatte.

Natürlich geht es hier „nur“ um ein Kulturdenkmal, wenngleich von besonderer Bedeutung. Derar-tige Baudenkmäler gibt es viele in unserem Land, die man nur mit äußerster Zurückhaltung und nach sorgfältigen Abwägungen aller Argumente und Alternativen aufgeben würde. Und wenn dann je der Fall einer Freigabe zu einem Abbruch eintritt, dann geschah dies bisher nur mit der Beteue-rung, wie leid es den Verantwortlichen tue, diesen ultimativen Schritt verantworten zu müssen.

Beim Projekt S21 hat diese von mir skizzierte Art der Kulturpolitik von Anfang an keine Rolle gespielt. Von irgendeiner Betroffenheit der Tiefbahnhof-Befürworter ist bis heute nichts zu spüren. Es wäre aber bitter nötig gewesen, angesichts der herausragenden Bedeu-tung des Bonatz'schen Bahnhofs und dieses Bauteils – des Südflügels in der Architekturgeschichte. Das will ich nun in der gebotenen Kürze näher erläutern.

Was sehen wir hier: Vor die Gleise, die hier in Höhe des 1. Obergeschosses liegen, hat Bonatz und sein Partner Scholer 1911 einen lang gestreckten hohen Baukörper gestellt, der zum einen die Bahnsteighallen einfassen, einrahmen sollte. Zum anderen sollte der Südflügel dem Bahnhof ein würdiges Gesicht zu den damals noch königlichen Parkanlagen geben.

Hier entstand ein Bauwerk, das weit über den Anspruch eines Zweckbaus hinausgehend gestaltet worden ist.

Drei knapp vor die Flucht des Bahnhofsturms und vor die Front des Südflügels vortretende markante Gebäudekuben rhythmisieren seine lange, über 200m lange Fassade. 

Ihr Mauerwerk wurde aus roh bossierten Muschelkalk-Quadern aufgeschichtet; die wie Felsen inzenierten Natursteine strahlen Dauerhaftigkeit, Zeitlosigkeit aus; dadurch wirkte der neue Haupt-bahnhof von Anfang an so, als ob er für die Ewigkeit gebaut sei. 

Das rauhe Bossenquader-Mauerwerk entfaltet jedoch erst seine suggestive Wirkung durch den sensibel gestalteten Kontrast mit geglätteten Oberflächen. In der Musik würde man von einem Kontrapunkt sprechen. 

Schauen wir uns erst einmal die Fassade eines zurückliegenden Teils der Südflügels näher an: Im Bereich der Fenster sind einzelne Mauerfelder zurückgesetzt, mit geglätteter Oberfläche. Zwischen diesen blieben Wandpfeilerartige schmale Mauerstreifen stehen. Jeder Architekt hätte diese vor-springenden Mauerstreifen damals wie tragende Pfeiler oder wie Pilaster gestaltet: mit Sockeln und Kapitellen, um als als Träger des obersten Stockwerks in Erscheinung zu treten. Dementsprechend wären die rauhen Oberflächen seitlich um die Kanten herumgezogen worden. Mit anderen Worten: Indem die geglätteten Oberflächen der Nischen auf die Pfeilerkanten vorgezogen wurden, verlieren diese an Kraft und erhielten eine un-tektonische Wirkung. Bonatz hat also hier bewußt auf den traditionellen, seit der Antike geläufigen Formenapparat verzichtet, mit dem das Tragen und Lasten der Bauteile augenfällig unterstrichen wurde. 

Gleichzeitig hat Bonatz doch mit genau dieser Thematik gespielt - mit dem Gestaltungsmittel der sogenannten scheitrechten Bögen: Zwischen den Pfeilerenden und unterhalb der Fenster des obersten Stockwerks erkennen wir im Mauerwerk lange Keilsteine extrem flach gedrückter, so genannter scheitrechter Bögen, wie sie üblicherweise über Maueröffnungen anstelle riesiger Sturz-balken zur Lastabtragung des darüber liegenden Mauerwerks eingesetzt wurden. Folglich sollte das geglättete Mauerwerk in den flachen Nischen wie ein später eingesetztes nicht tragendes Füllmauer-werk wirken. Wir können auch sagen: Mit den flachen, eingedrückten Nischen brach Bonatz die wuchtige, felsige Wirkung der Außenhaut auf und schuf damit eine Fassaden-Komposition, die neuartig war. 

Mit dieser reduzierten und zugleich sehr differenzierten Formgebung hat Paul Bonatz zu einer neuen architektonischen Formensprache gefunden, die er aus Anregungen komponierte, welche er in Ägypten gefunden hatte. Diese bewußt schlichte Sprache ist ohne Vergleich nicht nur in Baden-Württemberg und darf sogar als einmalig bezeichnet werden.

Schauen wir uns als nächstes die Fassade eines der vorspringenden Blöcke an: 

Diese treten massiger, noch felsiger auf als die vorhin beschriebenen Fassadenteile, was daran liegt, daß die äußeren Fenster ohne flache Nische in das rauhe Quaderwerk eingeschnitten wurden. Umso markanter wirkt die Mittelpartie der Fassade. Hier wurden drei flache Nischen, breiter als die zuvor beobachteten, nebeneinandergerückt, nunmehr mit drei dreiseitig glattflächigen Pilastern getrennt. Wir könnten auch sagen, wir sehen hier eine über vier Fensterachsen breite Nische, die durch drei Pilaster unterteilt wurde. Diese zentrale Fassadenpartie wurde einerseits wie eine Ein-gangsfront strukturiert, andererseits durch die breitgezogene Glattflächigkeit veredelt. Die Nischen verleihen jedem dieser vorgesetzten Baukuben eine imposante, fast schon sakrale Wirkung.

Mit den vorspringenden Deckplatten an den Pilasterköpfen hat Bonatz diesen tatsächlich eine tragende Rolle zugewiesen. So wirken die Nischen auch hier wie ursprünglich offene, später wieder zugemauerte hohe Maueröffnungen. Doch durchbricht Bonatz auch hier das Spiel von Tragen und Lasten – wie ich finde mit einem Augenzwinkern: In den glatten, vermeintlich leichten Fassaden-teilen setzte er über den Fenstern des ersten Obergeschosses hohe Keilsteine ein, zur Abtragung einer vermeintlich schweren Auflast...

Verehrte Zuhörer, und Zuhörerinnen: Ich hoffe, Sie können mir zustimmen, daß eine derart sensible Entwurfsarbeit und ihr Ergebnis eine erkennbar hohe künstlerische Qualität besitzen. 

Solche hochwertigen Baudenkmäler verdienen einen intensiven Schutz und verstärkte Zuwen-dung, weil sie unwiederbringliche Zeugnisse der kulturellen Entwicklung unserer Gesellschaft und des historischen Wandels sind. 

Wer diese Werte nicht erkennt oder nicht wahrhaben will, der leidet unter ästhetischen Wahr-nehmungsstörungen oder hat es erfolgreich geschafft, die natürliche Beißhemmung gegenüber einem hochwertigen Denkmal zu unterdrücken.

Ich bin mir sicher, dass Landwirte, die sich zur Notschlachtung einer leidenden Kuh entschei-den, verantwortungsvoller handeln als die sogenannte politische Elite unseres Bundeslandes, die den Kopfbahnhof und wesentliche seiner Teile zur Notschlachtung freigegeben haben.

Seit der Landtagswahl quäle ich mich mit der Frage, warum die SPD dieses widersinnige S21-Projekt wider besseres Wissen und Gewissen immer noch weiter verfolgt?

Für mich gilt nur eins: Oben bleiben!

 

 
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