Stuttgart 21 - Ein nationaler Kultur-Skandal

Pressemitteilung

In den letzten Tagen gerät das Prestigeprojekt „Stuttgart 21" in den Medien bundesweit immer mehr unter Druck (zuletzt in der Sendung ZDF Frontal 21 vom 17. August 2010) vor allem weil Kosten, Risiken und Gutachten verheimlicht wurden und weil immer mehr Menschen nicht bereit sind, diese Politik hinzunehmen und zu Tausenden auf die Straße gehen. Was hingegen in den Medien weitgehend unerwähnt bleibt, ist der kulturelle Skandal:

    • Wie kann es sein, dass ein bundeseigenes Unternehmen wie die Deutsche Bahn AG nicht als leuchtendes Beispiel vorangeht, sondern ganz im Gegenteil, nicht von Anfang an den Erhalt des denkmalgeschützten Häuptbahnhofs (Wettbewerb 1910, erb. 1914-28) von Paul Bonatz (1877-1956) beim Wettbewerb für den Tiefbahnhof zur Bedingung gemacht hat ?

    • Wie kann es sein, dass sich die Landesregierung von Baden-Württemberg über das von ihr selbst erlassene Denkmalschutzgesetz hinwegsetzt mit der Begründung der erforderlichen Abwägung ?

    • Wie kann es sein, dass die Vertreter der Denkmalbehörden nach anfänglicher Anhörung im Planfeststellungsverfahren nicht mehr einbezogen wurden ?

    • Wie kann es sein, dass der von den Denkmalbehörden für den Fall des Teilabrisses angekündigte vollständige Verlust des Denkmalcharakters verheimlicht wird ?

    • Wie kann es sein, dass die Denkmalstiftung Baden-Württemberg mit ihrem Kuratoriumsvorsitzenden Lothar Späth, einem ehemals verdienten Denkmalfreund, kein Wort zur geplanten Verstümmelung verlauten lässt ?

    • Wie kann es sein, dass die Warnungen des Städtebauausschusses der Stadt Stuttgart keine Reaktion auslösen ?

    • Wie kann es sein, dass keine Behörde, weder die Landeshauptstadt Stuttgart noch das Land Baden-Württemberg die Deutsche Bahn über Jahrzehnte aufgefordert hat, das Kulturdenkmal besonderer Bedeutung (§ 12.Denkmalschutzgesetz von Baden-Württemberg) seinem Rang entsprechend zu unterhalten ?

    • Wie kann es sein, dass der weltweit von rund 600 Fachleuten (Architekten, Städteplanern, Denkmalpflegern, Bau- und Kunsthistorikern) unterstützte Appell für den vollständigen Erhalt des Hauptbahnhofs ungehört verhallt (Vgl. www.hauptbahnhof-stuttgart.eu) ?

    • Wie kann es sein, dass Appelle verschiedener Institutionen und Fachverbände aus dem In- und Ausland (Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bundesstiftung Baukultur, docomomo, ticcih, Verband deutscher Kunsthistoriker etc.) zu keinen Reaktionen führt?

    • Wie kann es sein, dass die warnenden Stimmen von Architekten von Weltrang (Richard Meier / New York, Ricardo Bofill / Barcelona, Robert Venturi und Denise Scott Brown / Philadelphia, David Chipperfield / London, Günter Behnisch / Stuttgart) kein Gehör finden ?

    • Wie kann es sein, dass kein gewählter Kulturpolitiker, angefangen von der Kulturbürgermeisterin über den Kultusminister bis hin zum Kulturstaatsminister, wenigstens Bedenken äußern ?

    • Wie kann es sein, dass bis heute keine umfassende Bestandsaufnahme des Bonatz-Baus erstellt wurde ?

    • Wie kann es sein, dass kein Ideenwettbewerb über die Nutzungspotentiale des Hauptbahnhofs stattfand ?

    • Wie kann es sein, dass die von ICOMOS-Mitgliedern aus dem In- und Ausland diskutierte Kandidatur des Stuttgarter Hauptbahnhofs für das Weltkulturerbe nicht aufgegriffen wird ?

    • Wie kann es sein, dass Bürger eines der bedeutendsten Bauwerke des 20. Jahrhunderts und damit Kulturgut nationaler Bedeutung vor gewählten Politikern schützen müssen ?

„Manchmal kann ich nicht anders als angewidert zu sein, wenn ich die Gleichgültigkeit mancher Leute sehe, die Bauwerke zerstören, welche Barbaren und wütende Feinde zuvor verschont hatten angesichts ihrer herausragenden Würde oder welche die Zeit, unnachgiebige Verwüsterin aller Dinge, bereitwillig ewig bestehen lassen wollte."

Leon Battista Alberti, « de re aedificatoria », Florenz 1485

Die Arbeitsgemeinschaft Hauptbahnhof Stuttgart fordert die verantwortlichen Politiker und den Bahnvorstand auf, zumindest einem Moratorium zuzustimmen, um gemeinsam mit den Projektgegnern ergebnisoffen zu diskutieren.

In diesem Sinn und mit der dringenden Bitte, neben den wirtschaftlichen, verkehrlichen, geologischen und weiteren Argumenten den kulturellen Aspekt in Ihrer Berichterstattung zu würdigen, grüße ich freundlich und mit bestem Dank

Dr. Matthias Roser

Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Hauptbahnhof Stuttgart

19.08.2010

 

ARBEITSGEMEINSCHAFT HAUPTBAHNHOF STUTTGART

ASSOCIATION MAIN STATION STUTTGART

ASSOCIATION GARE CENTRALE DE STUTTGART

c/o Dr. Matthias Roser
Birkenwaldstraße 62
D-70191 Stuttgart

www.hauptbahnhof-stuttgart.eu

 
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