Montag, 20. Februar 12 um 13:29 Alter: 6 Jahr(e)

Architekt Conradi über "Stuttgart 21" und seine Kritik an der Bahn

Peter Conradi im Gespräch mit Dieter Kassel in „Deutschlandradio Kultur“ Trotz der Zustimmung beim Volksentscheid ist für den Architekten Peter Conradi das letzte Wort über die Realisierung des Bahnhofsprojekts "Stuttgart 21" noch nicht gesprochen. Die Kostenfrage sei völlig offen, da die Bahn sich weigere, verlässliche Kostenangaben zu machen.

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Kassel: Würden Sie das Projekt im Moment, wenn Sie könnten, immer noch verhindern?



Conradi: Das Projekt ist noch lange nicht gesichert. Einmal ist die Kostenfrage ja völlig offen - die Bahn weigert sich, verlässliche Kostenangaben zu machen. Und die Landesregierung hat ja beschlossen, übrigens mit der Stadt Stuttgart und mit dem Bund: Wenn die Kostengrenze von viereinhalb Milliarden überschritten wird, werden sie nicht mehr zahlen. Das ist der eine Punkt, das andere ist, es gibt erhebliche rechtliche Einwendungen, planungsrechtliche, sicherheitsrechtliche Einwendungen, und ich sehe die Bahn da noch nicht auf der Zielgeraden, zumal wichtige Abschnitte, also Planabschnitte, noch gar nicht genehmigt sind vom Eisenbahn-Bundesamt. Es kann also keine Rede sein davon, dass das Projekt durch ist.



Kassel: Durch ist es nicht, aber ein entscheidendes Datum, Herr Conradi, das war doch im vergangenen Jahr Ende November, als es den Volksentscheid gab und als immerhin 58,9 Prozent der Baden-Württemberger sich dafür - also man muss exakt sein - sich dafür ausgesprochen haben, dass sich das Land Baden-Württemberg auch weiterhin an der Finanzierung beteiligt. Aber da kann man doch sagen, de facto haben damals die große Mehrheit der Baden-Württemberger gesagt, wir wollen diesen unterirdischen Bahnhof.



Conradi: Das ist völlig richtig, das sehe ich auch so, das ist die politische Entscheidung, an die wird sich auch die Landesregierung halten. Die setzt allerdings nicht Recht und Gesetz außer Kraft, das heißt also, die Bahn muss dann schon bei ihren Planungen, bei dem, was sie baut, sich an Vorschriften halten, und es setzt nicht außer Kraft den Kostendeckel, den die Landesregierung beschlossen hat.



Kassel: Aber können Sie verstehen, dass manch einer, der vielleicht auch von außen auf Stuttgart schaut, wenn er genau das hört - einerseits knapp 60 Prozent in Baden-Württemberg waren für dieses Projekt, aber die Gegner sagen immer noch: Na, na, na, für uns ist diese Suppe noch nicht ausgelöffelt -, dass manch einer den Eindruck bekommt, diese Gegner sind einfach nur schlechte Verlierer?



Conradi: Nein, ums Gewinnen oder Verlieren geht es da nicht. Verlieren werden wir auf jeden Fall, wenn das gebaut wird, was die Bahn jetzt versucht, durchzudrücken, denn es wird ein Bahnknoten mit geringerer Leistungsfähigkeit als der bisherige Hauptbahnhof, das heißt also, ein Projekt, was eher einen Rückbau von Bahn und nicht eine Verbesserung des Bahnverkehrs bewirkt. Das ist der eine Punkt, das heißt, verlieren würden wir da, die Stuttgarter - die Bahnkunden sowieso. Aber ich bin noch gar nicht sicher, dass das frei zustande kommt. Die Bahn hatte ja einmal beschlossen, ihr Vorstand hatte beschlossen, solche Projekte nur zu beginnen, wenn sie plan festgestellt, das heißt genehmigt, sind. Das hatte die Bahn auch 2005 versprochen. 

In der Zwischenzeit versucht die Bahn, das Projekt jetzt mit aller Macht in Gang zu bringen, sozusagen Fakten zu schaffen, damit es unumkehrbar wird. Das macht viele misstrauisch, die da fragen, warum wartet die Bahn nicht, bis sie alle Genehmigungen beisammen hat, warum wird jetzt hier mit Gewalt ein Bauabschnitt vorangetrieben, der noch gar nicht voll genehmigt ist. Das sieht so aus, als habe die Bahn selber etwas Angst.

Und wenn ich mir ihre bisherigen Planungen anschaue über die Jahre hinweg, dann war sie nicht sehr gut in der Sache: technisch nicht sehr gut, ingenieurtechnisch nicht sehr gut - es war zum Teil geradezu beschämend, was bei der Vermittlerrunde unter Heiner Geißler rauskam. Die Bahn konnte nach 15 Jahren noch nicht mal einen Fahrplan vorlegen. Also es gibt auch gute Hoffnungen, dass die Bahn selber mit ihrem Projekt scheitert.



Kassel: Aber, Herr Conradi, die Argumente, die Sie gerade noch mal gebracht haben - ein unterirdischer Bahnhof wäre nicht leistungsfähiger als der alte Kopfbahnhof, die Strecke nach Ulm wird nicht schneller, die Flughafenanbindung ist nicht durchdacht und, und, und - all diese Argumente lagen ja vor dem Volksentscheid schon auf dem Tisch. Warum haben diese und viele andere bekannte Argumente, die auch öffentlich diskutiert wurden, offenbar doch eine Mehrheit der Baden-Württemberger nicht überzeugt?



Conradi: Einmal hatten viele Leute es einfach leid, das Projekt. Das gilt nicht nur für Baden-Württemberg, auch in Berlin gibt es Leute, die sagen: Hört endlich auf, das Ding muss jetzt gebaut werden. Das andere war, viele hier der Abstimmenden waren erschreckt über die Drohung, die Bahn würde 1,5 Milliarden Schadenersatz verlangen, eine völlig aus der Luft gegriffene Zahl, und insofern waren sie auch nicht vernünftig informiert. 


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Das ganze Interview mit Peter Conradi lesen Sie »hier, oder hören Sie »hier die Tonaufnahme des Interviews bei Deutschlandradio Kultur.


 
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