Samstag, 01. Oktober 11 um 13:08 Alter: 6 Jahr(e)

„Ethisch optimaler“ ?contra „wirtschaftlich optimaler“ Umgang ?mit nicht optimalen Menschen


Statement bei der Veranstaltung ?„K21 – der barrierefreie Kopfbahnhof –> deshalb oben bleiben – eben bleiben“?am 27. September 2011


Liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter ?für einen menschlichen Bahnhof und eine menschliche Zukunft!


Ich soll hier ein paar ethische Gedanken zum Thema sagen. Da muss ich Sie aber gleich enttäuschen: Ich kann Ihnen da keine allgemeingültige Ethik bieten, weil man Wertentscheidungen nicht logisch ableiten kann. Über Ethik nachdenken heißt, darüber nachdenken, welche Wertentscheidungen man warum getroffen hat oder gerne treffen will. Ich kann hier – als evangelischer Pfarrer – entsprechend nur von dem ethischen Begründungszusammenhang ausgehen, der meine – eine christliche – Ethik prägt.

Ich denke aber, dass das auch für diejenigen unter Ihnen, die mit Kirche nichts anfangen können oder die sich an ganz anderen Kulturen orientieren, eine interessante Anregung ist. Das will ich tun: Sie anregen.


Vielleicht haben Sie ein wenig geschluckt bei dem Titel meines Statements: „nicht optimale Menschen“. Kann das sein, dass ich Menschen mit Behinderungen „nicht optimale Menschen“ nenne?

Ja, das kann sein, weil ich sagen möchte: Menschen an sich sind grundsätzlich nie „optimal“, sondern wir alle sind beschränkt, haben alle unsere kleinen und großen Behinderungen – auf Dauer oder auf Zeit. Das fällt bloß meistens nicht so auf, wenn wir unsere Beschränkungen mit vielen Menschen teilen.

Ein bisschen zögere ich dennoch bei diesem Gedanken. Denn etliche Formen von Behinderung wirken doch ausgesprochen belastend und erschwerend im Alltag. Da tue ich mich schwer, mich hier mit kostenlosen Worten Menschen gleich zu stellen, die es doch oft auch ganz unvergleichlich schwerer haben als ich. Meine Absicht ist nicht Gleichmacherei, sondern ich will das Kontinuum andeuten, das alle Menschen mit kleinen, größeren und ganz großen Behinderungen miteinander verbindet.

Halten wir jedenfalls fest: Wir sind alle nicht „optimal“, sondern alle beschränkt in unseren Möglichkeiten.


(1.) In der biblisch-christlichen Tradition wird das aber gar nicht als Mangel gesehen, sondern geradezu als Kennzeichen dieser Welt: Menschen sind eben verschieden und – ich verwende hier ganz bewusst die Wortwahl Wowereits – „und das ist auch gut so“. In der religiösen Fachsprache sagt man: Gott hat diese Welt auf Diversität hin geschaffen. Oder einfacher: Einen wesentlichen Sinn gewinnt diese Welt durch ihre Vielfalt. ?Gerade dass wir alle so unterschiedliche Stärken und Schwächen haben, macht ja die wunderbare Buntheit der Welt aus. Menschen mit Behinderung werden im christlichen Glauben nicht als – womöglich zu vermeidender – „Unfall“ der Natur gesehen. Sondern sie sind Variationen des schon immer vielfältigen Menschen. Behinderte sind nicht krank, sondern je für sich eine der vielen Möglichkeiten, Mensch zu sein.?Deshalb – das am Rande – lehnen wir es auch ab, dass sie schon vor der Geburt aussortiert werden, weil man sich offensichtlich die gesellschaftlichen Unterstützungsangebote sparen will.


(2.) Ein zweiter Grund, warum Menschen mit Behinderung in der christlichen Ethik eine so zentrale Rolle spielen ist, dass sie Schwächen haben. Schwächen haben alle Menschen. Aber je mehr diese Schwächen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben erschweren, desto wichtiger werden sie in der christlichen Tradition genommen. Es zieht sich nämlich wie ein roter Faden durch die ganze Bibel die sogenannte „vorrangige Option für die Schwachen“. Damit ist gemeint: Durch die ganze Bibel zieht sich eine Ethik, die sagt: Wir sind nicht neutral, sondern parteiisch. Und zwar parteiisch für die Schwächeren. Menschliche Würde, Respekt, Liebe gebührt allen Menschen. Aber unsere besondere Fürsorge, die gehört den Schwachen.

Wenn wir aus der Sicht christlicher Ethik deshalb ein Bauvorhaben, z.B. einen Bahnhofsneubau betrachten, dann immer mit der Sichtweise: Wie kommen die „Schwachen“ damit zurecht? Im normalen Betrieb. In Notsituationen.


(3.) Neben Vielfalt des Lebens und Vorrang der Schwachen ist noch ein drittes Element typisch für christliche Ethik: Wir haben einen Blick für den Einzelnen. Es reicht uns nicht, wenn ein Bauwerk für die große Mehrheit in Ordnung ist – und seien es 99,9%. Der eine Einzige, mit dem wir vielleicht rechnen müssen, dass er mit dieser oder jener Ausstattung des Bauwerks nicht zurechtkommt, dieser eine Einzige ist uns Anlass genug zu fordern, dass entsprechende Vorkehrungen getroffen werden.

In der christlichen Ethik wird die Qualität einer Gesellschaft daran gemessen, wie gut sie mit den Einzelnen umgeht. Einzelne dürfen nie nur statistische Größen oder bloß Teil eines „Volkskörpers“ o.ä. werden.


(4.) Viertens: Es widerspricht dem christlichen Menschenbild – das ja die Partei mit dem „C“ so gerne beschwört und für ihre Politik reklamiert –, dass sich Menschen den ökonomischen Gegebenheiten zu unterwerfen haben. Umgekehrt ist es: Die Ökonomie hat sich gefälligst den Menschen und ihren Bedürfnissen anzupassen. Und zwar nicht den sogenannten „Leistungsträgern“ unter den Menschen, sondern den Schwächsten muss die Ökonomie entsprechen. Es darf nicht zum Maßstab bei der Beurteilung von Menschen werden, ob und wie viel sie zum gesellschaftlichen Reichtum beitragen. Und auch nicht, wie viel oder wie wenig sie die Gesellschaft kosten.

Menschen dürfen aus christlicher Sicht gar nicht nach ihrem „Wert“ beurteilt werden. Wir haben deshalb in der christlichen Ethik den Begriff der „Würde“. Die Würde jedes Menschen ist – das ist ja so auch ins Grundgesetz geraten – die Würde jedes Menschen ist unverlierbar, für alle Menschen gleich – wirklich alle! Sie darf sich nicht nach ihrem Wert für die Gemeinschaft oder für irgendetwas anderes richten.

Und umgekehrt hat eine Gesellschaft – das ist Forderung christlicher Ethik – sich so einzurichten, dass allen ihren Gliedern, denen ja allen dieselbe Würde zukommt, auch ein gleiches Maß an Glück und Leben gelingen kann. Das heißt in der Konsequenz: Es muss ein gesellschaftlicher Ausgleich von Lebensmöglichkeiten stattfinden: Die gesellschaftlichen Reichtümer dürfen nicht in erster Linie z.B. die undifferenzierten Modernitätsbedürfnisse derer befriedigen, die ohnehin genug haben. Sondern je mehr Geld z.B. für einen Bahnhof in die Hand genommen wird, desto stärker muss das Augenmerk darauf liegen, dass dieses Geld in erster Linie denen zum Nutzen wird, die mehr Unterstützung brauchen.


Also, ganz kurz zusammengefasst: Wichtig für christliche Ethik ist:

1. Alle Menschen sind beschränkt.

2. Vielfalt an Leben ist ein zentrales Ziel.

3. Die Schwachen stehen im Mittelpunkt.

4. Der Einzelne steht im Mittelpunkt.

5. Gesellschaftliche Wertschöpfung muss in erster Linie dem Menschen dienen, nicht umgekehrt – und zwar dem unterstützungsbedürftigen Menschen.


Deshalb muss auch an einen „ethisch optimalen“ Bahnhof an vorderster Stelle die Anforderung gerichtet werden, dass er ein guter Bahnhof für alle ist – insbesondere aber eben für diejenigen, die in ihren Möglichkeiten am stärksten eingeschränkt sind.

Menschen, die sich mit dem Gehen schwer tun, müssen auch im Notfall ohne Hilfe herauskommen. ?Menschen, die Orientierungsprobleme haben, müssen im täglichen Betrieb und in der Notsituation auf einfache Weise den Weg finden. ?Menschen, die schlecht sehen, müssen sich darin trotzdem zurechtfinden usw. ?Dazu erwirtschaftet eine Gesellschaft Reichtümer, damit sie dafür möglichst gut sorgen kann.

Und wenn man schon einen ebenen Bahnhof hat – dann dürfte man ihn auf dem Weg der Güterabwägung nur dann ersetzen durch einen, der nur über Treppen und Aufzüge zu erreichen ist – wenn es riesige(!) andere Vorteile für die Schwachen gäbe. – Aber die sehe ich nicht.

Deshalb: Oben bleiben! Eben bleiben!


Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Martin Poguntke

 

 

 

 

 

 


 
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