Dienstag, 06. September 11 um 09:04 Alter: 6 Jahr(e)

Grußwort von Denise Scott Brown und Robert Venturi zum "Protestival" am 3.9.2011


Dear supporters of and protesters against Project 21,

?We address this letter to all of you because you all love your city and work for its good.

We don’t know what problems have caused the city and architects of Project 21 to engage  with Stuttgart’s Hauptbahnhof building in such radical ways, however we can imagine that the times and conditions in the area might validly call for transportation changes.  Therefore you have our sympathy. These are difficult situations and no one rule holds for all.

Yet the eyes of the world are on you and at stake is the reputation of  Stuttgart . Your action s will not go unnoticed. Demolition of yet more of Paul Bonatz’s building will shame the city yet further , and a place of shame is an un attractive place to live and work in, or to visit.

The need for growth surely weighs heavily with you , especially when it vies with the needs of beauty and tradition. Yet sometimes history itself seems to tell us to demolish – but why?  We should carefully consider the reasons.

Shame and disrespect may be among them. To explain: In Europe, where a thousand years of history fill the foreground , it's easy to feel that the recent past is not yet part of the tradition. Such sentiments place key elements of heritage at risk -- until they grow old enough to be respected. And our own profession, architecture, is much to blame. In the 1920s when Le Corbusier described Paris as "an old hag" requiring demolition, he defined thought patterns that brought destruction in cities world wide and have taken years to combat.  Yet even as we now admit that urban renewal, 1950s style, is undesirable, one aspect of this outlook remains.  It is the Modernists' claim that the work of their elders and competitors, the Deco architects and others in that vein, lacked quality because it wasn't modern enough.

This disrespect for the recent past may be what some architects ,  trained in the 1950s and at work today, bring to their estimation of  the station building .  A nd they may pass it on to a lay public as accepted doctrine – what "everyone knows."   So the conventional wisdom about the Bahnhof and its surrounding landscape may be that “everyone knows” it is not worthy.

But things may be worse.  The building holds memories and associations of a vile regime. Bonatz was in the beginning and in part complicit and at the end not, but his role in Nazi Germany  could affect todays' views on the quality of his architecture. Yet buildings don't commit war crimes .  And the agonies of complicity must , in the end , be handled through austere judgement tempered by understanding. Yet , whether harshly or mercifully,  how can you judge if you remove the evidence?

This building deserves to continue an honored not a limping role in the city. T he heritage it represents should not be taken down because it is not medieval or because Hitler was total ly evil.  There are many imaginative ways to reuse old buildings in new contexts to meet changed definitions of their purpose. But hatred of what you have will not evoke creativity. Understanding and imagination may.

So please, look at the building with fresh eyes. No matter what the Moderns felt, it's a worthy and truly beautiful piece of urban architecture , part of its time and good for our time.

?We send you our best wishes in your struggle,

Denise Scott Brown and Robert Venturi

 

?Deutsche Rohübersetzung:

Sehr geehrte Befürworter und Gegner von Stuttgart 21,

wir richten dieses Schreiben an Sie alle, denn Sie alle lieben Ihre Stadt und sind um deren Wohlergehen bemüht.

Wir wissen nicht, welche Probleme dazu geführt haben, daß die Stadt und die Architekten von Stuttgart 21 mit dem Gebäude des Stuttgarter Hauptbahnhofs derart radikal umgehen. Wir können uns allerdings vorstellen, daß die Zeit und Umstände in dieser Gegend in der Tat Veränderungen bezüglich des Transportes (Schienenverkehrs) nötig machen.

Dafür gilt uns Ihnen unsere Sympathie. Dies sind schwierige Situationen (Entscheidun­gen) und keine Regel gilt für alle.

Aber die Augen der Welt sind auf Sie gerichtet und auf dem Spiel steht der Ruf von Stuttgart. Ihre Aktionen bleiben nicht unbemerkt. Der Abriss von noch mehr des Ge­bäudes von Paul Bonatz wird die Stadt noch weiter in Schande bringen, und ein Ort der Schande ist ein unattraktiver Ort um zu leben, zu arbeiten oder zu besuchen.

Das Bedürfnis nach Wachstum wiegt sicher schwer, besonders wenn es mit den Bedürfnissen von Schönheit und Tradition wetteifert. Manchmal scheint uns die Geschichte selbst zu sagen, abzureißen - aber warum? Wir sollten die Gründe vorsichtig bedenken.

Schande und Respektlosigkeit mögen dazu gehören. Zur Erklärung: In Europa, wo tausend Jahre Geschichte im Vordergrund stehen, kann es leicht passieren, daß die jüngere Geschichte noch nicht als Teil der Tradition gesehen wird. Solche Gefühle setzten Elemente des kulturellen Erbes aufs Spiel - bis sie alt genug sind um respektiert zu werden. Auch unser eigenes Berufsfeld, Architektur, trägt mit Schuld. Als Le Corbusier 1920 Paris als alte Hexe beschrieb, die man abreißen müsse, orientierte er sich an Mustern, die Zerstörung in Städten weltweit anrichteten und deren Bekämpfung Jahre brauchten.

Auch wenn wir heute zugeben, daß städtische Erneuerung im Stil der 1950er nicht besonders wünschenswert ist, so bleibt doch ein Aspekt dieses Ausblickes. Es ist des Modernisten Anspruch, daß es der Arbeit ihrer Vorfahren und Gegner, der Deco Architekten und anderer dieses Zweiges an Qualität mangelte, weil sie nicht modern genug war (schien).

Diese Respektlosigkeit gegenüber der jüngeren Vergangenheit mag es sein, die die Einschätzung des Bahnhofsgebäudes durch einige Architekten, die in den 50ern gelernt haben und heute arbeiten hervorbringt. Und sie mögen diese einem Laienpublikum als akzeptierte Doktrin weitergeben - was „jeder weiß“. Also könnte die konventionelle Weisheit, die „jeder weiß“ sein, dass es Bahnhof und Umgebung nicht wert sind.

Aber möglicherweise ist es noch schlimmer. Das Gebäude birgt Erinnerungen und Assoziationen an ein niederträchtiges Regime. Bonatz war anfangs und teilweise mitschuldig, letztendlich zwar nicht, doch seine Rolle im Nazi-Deutschland könnte die heutige Sicht auf die Qualität seiner Architektur beeinflussen. Aber Gebäude begehen keine Verbrechen. Und der quälenden Mitschuld muss letztendlich mit nüchterner Beurteilung, temperiert mit Verständnis begegnet werden. Ob mit Härte oder Gnade – wie soll man schließlich urteilen, wenn man die Beweise entfernt?

Dieses Gebäude verdient weiterhin eine ehrenhafte, keine hinkende Rolle in der Stadt. Das Erbe, welches es repräsentiert, sollte nicht abgerissen werden, weil es nicht mittelalterlich ist, oder weil Hitler absolut bösartig war. Es gibt viele einfallsreiche Möglichkeiten, alte Gebäude in neuen Kontexten zu nutzen, um ihrer neuen Bestimmung gerecht zu werden.  Aber Hass auf was Sie haben, wird keine Kreativität bewirken. Verständnis und Vorstellungskraft hingegen könnte dies.

Also betrachten Sie das Gebäude mit neuen Augen. Egal, was die Modernisten fühlen mögen: Es ist ein erhaltenswertes und wahrlich schönes Beispiel städtischer Architektur, Teil seiner Zeit und gut für unsere.

Wir senden Ihnen die besten Wünsche für Ihre Bemühungen,

Denise Scott Brown und Robert Venturi

 

siehe auch:

http://www.vsba.com/

http://de.wikipedia.org/wiki/Denise_Scott_Brown

http://en.wikipedia.org/wiki/Robert_Venturi

 

Dank an Helga Stöhr-Strauch vom Demoteam Aktionsbündnis gegen S21, die uns freundlicherweise den Originaltext und die deutsche Rohübersetzung zur Verfügung gestellt hat!


 
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